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Fachtag „Ernährungsarmut im Alter - Ein unterschätztes Problem“

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News Gutversorgt Alter

Wie können Kommunen dazu beitragen Mangelernährung vorzubeugen und insbesondere ältere Menschen mit kleinem Budget unterstützen sich gut und ausgewogen zu ernähren?

Mit dieser Frage beschäftigte sich die Vernetzungsstelle Seniorenernährung der Sektion Hessen - DGE e.V. beim Fachtag in Bad Nauheim und forderte die 80 Teilnehmenden aus über 45 hessischen Kommunen auf, sich dieses Themas anzunehmen.

Ernährungsarmut hat viele Facetten und umfasst sowohl die materielle als auch die soziale Dimension. Eine systematische Erfassung der Zahlen erfolgt bisher nicht. Nach Angaben der FAO sind in Deutschland ca. 3 Mio. Menschen davon betroffen, darunter viele ältere Menschen. Eine gute ausgewogene Ernährung in Kombination mit der Möglichkeit sozialer Teilhabe ist jedoch entscheidend für körperliche und psychische Gesundheit und Wohlbefinden.
Es ist daher im Interesse der allgemeinen Öffentlichkeit und insbesondere der Kommunen, Mangelernährung mit allen Folgen vorzubeugen. Es gilt bei zuhause lebenden älteren Menschen in allen sozialen Schichten die Selbstständigkeit zu erhalten und eine Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern. Auf dem Fachtag konnten Akteure und Verantwortliche der Seniorenarbeit von Gemeinden, Städten, Landkreisen, Trägern und Privatinitiativen neue Impulse für Ihre Arbeit erhalten. Sie tauschten sich beim Forum der Möglichkeiten aus und erhielten durch Gute-Praxis-Beispiele Anregungen, wie sie das Angebot in ihren Kommunen erweitern oder optimieren können.

In einem einleitenden Vortrag fasste Prof. Dr. med. Hans Konrad Biesalski, Universität Hohenheim, die Bedeutung der Ernährung im Alter für Wohlbefinden und Gesundheit zusammen und gab wichtige Hinweise wie „Gesundes Essen und Trinken mit kleinem Budget“ gelingen kann. Bei sinkendem Energiebedarf bleibt der Bedarf an Mikronährstoffen wie Vitaminen annähernd gleich und Eiweißbedarf steigt auf ca. 1 g pro Kilogramm Körpergewicht an. Eine Mangelernährung ist jedoch nicht gleich sichtbar. Bevor klinische Mangelsymptome auftreten, werden bei den Betroffenen Muskelschwäche, eine gestörte Wundheilung, häufige Infekte, Müdigkeit, Verwirrtheit und mitunter Gewichtsverlust festgestellt. Prof. Biesalski stellt fest, dass Sattsein nicht genug ist, auch die Qualität der Speisen mit hochwertigen Inhaltsstoffen muss stimmen. Haushalte mit knappem Budget greifen jedoch häufig zu preisgünstigen, stärke- und fettreichen Lebensmitteln, weil protein‑ und mikronährstoffreiche Lebensmittel überproportional teuer geworden sind.

Tanja Kaufmann berichtete über aktuelle Erkenntnisse aus dem ELSinA Projekt. ELSinA steht für Ernährungs- und Lebenssituation von Seniorinnen und Senioren in Armut. Das Projekt wird am Max-Rubner-Institut in Karlsruhe durchgeführt. Mit einem Aktionsplan soll die Ernährungs- und Lebenssituation von Seniorinnen und Senioren in Armut verbessert werden. Mit Beispielen aus der Praxis zeigte sie auf, wie Kommunen Zugang zu älteren Menschen mit kleinem Budget finden und sie unterstützen können.

Dr. Thorsten Dickau fasste die wertvolle Arbeit der Tafel Hessen e.V. unter dem Motto „Lebensmittel retten. Menschen helfen.“ zusammen. Der Landesverband engagiert sich für 57 Mitgliedstafeln mit ihren etwa 7.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. In Hessen gibt es über 145 Ausgabestellen, die jährlich um die 22.000 Tonnen Lebensmittel an rund 110.000 Menschen verteilen. Für eine wachsende Zahl von Menschen in Deutschland wird selbst der alltägliche Lebensmitteleinkauf zur finanziellen Belastung. Die Tafeln sind für viele armutsbetroffene Menschen ein wichtiger Ankerpunkt. Doch die Tafeln geraten aufgrund steigender Nachfrage und knapperer Lebensmittelspenden zunehmend an ihre Grenzen.

Die Aktivitäten des Kompetenzzentrums Pflege des Rheingau-Taunus-Kreises beschrieb Ellen Philipp. Zentral wird für eine gute Übersicht der Beratungsangebote mit den richtigen Ansprechpartnern gesorgt. Mit der Stadt Rüdesheim wird ein Netzwerk aufgebaut, das das Leben älterer Menschen vor Ort nachhaltig verbessern soll. In einer Kreativwerkstatt mit 20 engagierten Akteuren aus Vereinen, Initiativen und Verwaltung wurden die Ist-Situation analysiert, Hindernisse identifiziert und konkrete Lösungsansätze entwickelt.

Zum Thema offene Mittagstische wurden drei gute Praxisbeispiele vorgestellt.
In der Landeshauptstadt Wiesbaden haben Mittagstische eine sehr lange Tradition wie Claudia Selzer vom Amt für soziale Arbeit berichtete. Es gibt drei eigene Angebote in der Innenstadt, bei denen selbst gekocht wird. Frisch vor Ort zubereitet, ausgewogen und abwechslungsreich bietet der Seniorentreff für 6,60 Euro (ermäßigt 2,00 Euro) täglich ein dreigängiges Mittagsmenü an. Zehn weitere Mittagstische finden in Kooperationen mit Altenwohnanlagen und Senioreneinrichtungen statt, gut verteilt über die verschiedenen Stadtteile.

Beim Förderprogramm zum Ausbau und zur Stärkung gesundheitsfördernder Mittagstischangebote handelt es sich um ein gemeinsames Vorhaben des Landkreises Marburg-Biedenkopf und der Universitätsstadt Marburg – so Katharina Albrecht vom Gesundheitsamt des Landkreises. Grundlage des Programms ist der von Landkreis und Stadt entwickelte Leitfaden „Tischlein deck dich!“. Dieser vermittelt praxisnahe Hinweise zur Umsetzung von Mittagstischen. Es geht dabei um die Verknüpfung der Ziele: Gesunde Ernährung, Gemeinschaftserleben und Kommunikation sowie um die Verknüpfung mit Angeboten zur Bewegungsförderung und kognitivem Training. Inzwischen gibt es im Landkreis Marburg-Biedenkopf über 30 Kommunen, die Mittagstische anbieten.

Das Café (N)Immersatt der BAFF-Frauen-Kooperation gGmbH in Darmstadt gibt es seit 2005 in einem strukturschwachen Quartier im Stadtteil Eberstadt. Von Montag bis Freitag werden für wenig Geld ein täglich wechselndes Mittagessen und wechselnde Tagessuppen angeboten. Gekocht und bewirtet wird von Frauen, die über die BAFF-Frauen-Kooperation gGmbH qualifiziert wurden und nun dort arbeiten. „Die Frauen in Langzeitarbeitslosigkeit, werden so für den ersten Arbeitsmarkt fit gemacht,“ erläutert die Geschäftsführerin Britta Uihlein.

An weiteren Ständen im Foyer stellte die Verbraucherzentrale Hessen e.V. das IN FORM-Verbundprojekt „Gesund und nachhaltig essen mit kleinem Budget – gemeinsam Ernährungsarmut begegnen“ vor. Die Sektion Hessen – DGE e.V. präsentierte Rezeptkarten für Senioren, die ab sofort auch käuflich erworben werden können über die Homepage der Sektion. Ein spezielles Zusatz-Set „Gut & günstig kochen“ wurde von der Vernetzungsstelle anlässlich des Fachtags entwickelt und steht in Kürze auf der Webseite zum Ausdruck zur Verfügung.
Angeregt durch die vielen Beispiele überlegten sich die Teilnehmenden der Veranstaltung zum Schluss in Gruppenarbeiten „Erste Schritte zur Initiierung eines Mittagstisches“ sowie „geeignete Angebote zur Erweiterung der Ernährungskompetenz“ in ihren eigenen Kommunen.
Die Idee einen Fachtag zum Thema Ernährungsarmut zu machen, ist aus dem Netzwerk Seniorenernährung in Hessen entstanden. Aktuell umfasst das Netzwerk 15 Institutionen und freut sich auf interessierte Neuzugänge.

Veranstalter des Fachtags ist die Vernetzungsstelle Seniorenernährung Hessen in Trägerschaft der Sektion Hessen – Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Die Etablierung der Vernetzungsstelle Seniorenernährung in Hessen ist ein IN FORM-Projekt, welches durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, das Hessische Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege und das Hessische Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat kofinanziert wird.
Weitere Informationen erhalten Sie unter: https://www.dge-hessen.de/seniorenernaehrung